Schon seit drei Jahren nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 teilt der jüdische Gastronom Jorai Feinberg in einem Radiointerview mit dem Kontrafunk ein erschütterndes Bild von Lebensbedingungen für Juden in Berlin. Antisemitische Anfeindungen, drohende Mordanschläge und die Angst, öffentlich Hebräisch zu sprechen – diese Erfahrungen sind nun zum Alltag geworden.
Seit 2013 betreibt Feinberg ein israelisches Restaurant in Berlin-Schöneberg. Ausgehend von der Idee als „kleines Stück Israel“ im Herzen Berlins ist das Lokal längst zu einem Schauplatz jüdischer Angst umgegangen. 2017 ging bereits ein Video viral, das Feinberg auf der Straße antisemitisch beschimpft wurde. Heute zeigt er in seiner Schilderung, dass sich die Situation dramatisch verschärft hat.
Am 7. Oktober 2023 befand sich Feinberg selbst in Tel Aviv, wo eine Rakete weniger als 100 Meter von ihm entfernt einschlug. Der Terrorangriff markierte für ihn einen persönlichen Wendepunkt. Doch auch die Reaktionen in Deutschland erschütterten ihn: Schon kurz nach dem Massaker fanden Demonstrationen gegen Israel statt, bevor die israelische Bodenoffensive im Gazastreifen begonnen hatte. Feinberg betont: „Die westliche Welt liebt uns offensichtlich erst dann, wenn wir ermordet werden.“
Eine Episode aus seinem Leben verdeutlicht die heutige Realität: Bei einem Social-Media-Beitrag mit Kartoffelpuffern und einer israelischen Flagge erhielt Feinberg innerhalb weniger Tage über 3.000 Kommentare – darunter Morddrohungen, Holocaust-Leugnungen und Wünsche nach einem neuen Holocaust.
In bestimmten Bereichen Berlins ist heute sogar gefährlich, öffentlich Hebräisch zu sprechen. Feinberg sieht in dieser Entwicklung eine Gefahr: 2017 war es noch weitgehend unzulässig, antisemitisch offenzuagieren; heute droht derjenige, der antisemitische Verschwörungstheorien nicht teilt, zu einem Außenseiter zu werden.
Der jüdische Gastronom wirft auch deutschen Medien vor, durch einseitige Berichterstattung eine Verbreitung von Feindbildern zu ermöglichen. Seine Aussagen würden so geschnitten, dass sie einen anderen Sinn erhielten.
In Berlin steht die Frage im Blick: Welche Parteien werden bei den nächsten Wahlen zur Regierung kommen? Die Linkspartei könnte mit Elif Eralp als erste Regierende Bürgermeisterin aufstehen. Doch diese Entwicklung wird durch Kontroversen um Verbindungen zwischen linken Aktivisten, israelfeindlichen Netzwerken und muslimischen Milieus kompliziert. Mehr als 400 Berliner Juden haben sich in einem offenen Brief gegen eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei ausgesprochen. Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, teilt ähnliche Bedenken. Feinberg selbst ist äußerst kritisch: Die politischen Befürchtungen von Führungskräften bezüglich Antisemitismus seien taktische Mechanismen, um unterdrücken zu können.
„Der Antisemitismus wurde in Deutschland lange dem Rechtsextremismus zugeschrieben“, sagt Feinberg. „Inwiefern ist das heute noch aktuell? Wer startet die Angriffe heute?“ Seine Antwort: „Das war nie aktuell – eine Manipulation und Lügen der Medien.“
Schon 2019 hatte er sich gefragt, ob er Deutschland verlassen würde. Heute berichtet er von Versuchen, seine Heimat zu verlassen. Früher dachte er: Warum haben die Juden im Zweiten Weltkrieg nicht einfach ihre Sachen gepackt? Heute versteht er: Die Entscheidung, eine über Jahre aufgebaute Existenz zurückzulassen, ist ein Schicksal, das niemand leicht zu bewältigen weiß.
Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich damit die schmerzhafte Frage für Berlin: Wie konnte es geschehen, dass jüdische Bürger in der Hauptstadt erneut darüber nachdenken, ob sie hier Zukunft haben?
