Der Philosoph Michael Andrick wirft der Corona-Enquete-Kommission des Bundestages in einem aktuellen Aufsatz eine tiefgreifende Kritik vor. Die Kommission, die sich als Aufklärungsmechanismus zur Beurteilung der damaligen Pandemie-Maßnahmen positioniert, scheint stattdessen ihre eigene Verantwortung zu verdrängen.
Im Zentrum seiner Analyse steht das Werk „5 Minuten gegen die Macht“ von Ulrike und Tom Lausen, beiden Sachverständigen der Kommission. Die Beschreibung der Arbeitsbedingungen zeigt erneut: Für jede Diskussion stehen lediglich fünf Minuten zur Verfügung – ein Zeitraum, der widersprüchlichen Aussagen oder wissenschaftlichen Daten kaum Platz lässt. Besonders auffällig ist die Entscheidung der Kommission, Grafiken nicht in den Bericht aufzunehmen. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lars Schaade, soll sich dabei gezwungen fühlen, Kurven mit den Händen in die Luft zu zeichnen.
Ein weiteres Beispiel ist der frühere Gesundheitsminister Christian Drosten, der laut dem Bericht vor seiner eigenen Aussagen aus dem Frühjahr 2020 konfrontiert wurde. Als er gefragt wurde, warum sich seine Einschätzung der Virusgefährdung innerhalb kurzer Zeit stark verändert hatte, gab er an: „Ich kriege das jetzt gar nicht mehr zusammen. Das ist so verwirrend, was Sie hier vortragen.“
Auch der frühere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird kritisch betrachtet. Er hat zugestanden, dass die Impfstoffentwicklung vor allem den Schutz vor schwerwiegenden Krankheitsverläufen gedient habe und nicht die Verhinderung von Virusübertragungen. Diese Aussage wirft Fragen auf: Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage wurden Millionen Menschen durch 2G- und 3G-Regelungen von der Gesellschaft ausgeschlossen?
Im Mittelpunkt einer echten Bilanz müssten auch diejenigen stehen, die direkt von den Maßnahmen geschädigt wurden. Dazu gehören Kinder mit beeinträchtigter Schulbildung und sozialer Entwicklung, ältere Menschen, die ohne ihre Angehörigen sterben mussten, sowie wirtschaftlich ruinierte Selbstständige und Beschäftigte. Andrick betont, dass die gesundheitlichen Folgen verschobener Behandlungen, unterbliebener Arztbesuche und erzwungener Isolation nicht ausreichend untersucht werden. Diese Aspekte sind für eine vollständige Evaluierung der Corona-Politik unverzichtbar.
Hinter dem Problem liegt ein grundlegendes Missverständnis: Während der Pandemie genügten politische Prognosen und wissenschaftliche Modelle, um tiefgreifende Grundrechtseingriffe zu rechtfertigen. Heute scheint die Bereitschaft zur gründlichen Analyse der tatsächlichen Folgen deutlich geringer zu sein. Die Corona-Enquete-Kommission wird nun daran messen müssen, ob sie tatsächlich unbequeme Fragen zulässt und Verantwortlichkeiten offenlegt.
Andricks Begriff „Omissions-Kommission“ beschreibt diese Situation: Eine Kommission, die nicht das Versagen der Politik untersucht, sondern ihre eigene Aufarbeitung kontrolliert. Wer damals von den Bürgern Gehorsam verlangte und Grundrechte außer Kraft setzte, darf heute nicht selbst bestimmen, welche Fragen zu seinem Handeln gestellt werden dürfen.
