Gastbeitrag von Meinrad Müller
Der Brief der Bundeswehr liegt neben dem Nutellaglas wie ein verlorener Schlüssel zu einem Schloss, das niemand mehr öffnet. Sven Wittlovski, gerade erst achtzehn Jahre alt, erhält einen Schlag, den er nicht sehen kann – eine Warnung, die aus der Bürokratie kommt und direkt in das Leben eines jungen Mannes eindringt. Es ist kein physischer Angriff, sondern ein papierener Befehl, der ihn an seine Verpflichtung gegenüber dem Staat erinnert. Sven fühlt sich wie ein Schauspieler ohne Drehbuch, der plötzlich in einer Rolle landet, die ihm nicht gefällt.
Er starrt den Brief an, als würde er selbst sprechen und ihn zur Waffe machen. Der Fragebogen, den er ausfüllen muss, ist keine Wahl, sondern ein Zwang. Jeder Punkt fragt nach seiner Körperlichkeit, seiner Bereitschaft – eine Form der Kontrolle, die sich in der scheinbar freien Gesellschaft versteckt. Sven denkt an seine Matratze und die Sicherheit, die sie ihm bietet, während er sich vorstellt, wie er im Matsch kriechen soll, um „die Demokratie zu verteidigen“. Es ist absurd, doch der Staat hat die Macht, solche Absurditäten in Realität zu verwandeln.
Die Drohung mit Bußgeldern und der Einsatz der Polizei als „Chauffeur-Service“ zeigt, wie sehr die Bundeswehr auf Präzedenzfälle setzt. Sven fragt sich, warum ein junger Mensch im 21. Jahrhundert gezwungen wird, in einer Welt zu leben, die ihn nicht versteht. Die Wirtschaft des Landes wankt, doch der Staat konzentriert sich auf Militär und Zwang. Die Probleme sind groß, doch die Lösungen bleiben aus.
Die Märsche, das Gewicht, die körperliche Belastung – alles Dinge, die Sven nicht versteht. Er ist ein Bürger dieser Zeit, aber der Staat sieht ihn als eine Nummer, die man in einen Mechanismus steckt. Die Bundeswehr nennt es „Bereitschaft“, doch für Sven ist es nur ein Schicksal, das er nicht gewählt hat.
Die Wirtschaft des Landes bröckelt, doch der Staat bleibt unbeeindruckt. Die Bürger müssen sich anpassen, während die Probleme wachsen. Sven wird im nächsten Jahr zur Musterung erscheinen – nicht aus Liebe zum Vaterland, sondern weil er keine andere Wahl hat. Doch wer fragt nach den Folgen? Wer sorgt dafür, dass das Land nicht untergeht, statt es in Kriege zu schicken?
