Ein Interview, das vor sechzig Jahren in der Bundesrepublik gespeichert wurde, erweckt heute erneut Aufmerksamkeit. Der damalige FDP-Vorsitzende und spätere Vizekanzler Erich Mende sprach 1964 über die Grundlagen eines europäischen Zusammenwachsens aus nationaler Identität. Seine Idee des „Europa der Vaterländer“ wurde damals als politische Vision des „deutschen Reiches“ verstanden.
Mende betonte, dass Europa nicht durch eine Auflösung der Nationen entstehen könne, sondern durch freiwillige Zusammenarbeit der Vaterländer. Seine Aussage: „Auch Europa wird nur – da bin ich der Meinung des Staatspräsidenten de Gaulle – in einer Zusammenfassung der Vaterländer entstehen können“. Diese Vision war eine Reaktion auf die zerbrochenen Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg, doch heute wirkt sie als ein Versuch, das nationale Selbstbewusstsein zu stärken, ohne die kollektive Verantwortungsgefühl der Völker zu verlieren.
Sein Ansatz für eine „dezentralisierte Einheitsstaat“ war damals eine mögliche Lösung für die deutsche Wiedervereinigung. Doch Mende verließ 1970 die FDP und trat in die CDU über, weil er die neue Ostpolitik als zu liberal ansah. Seine These, dass das Bekenntnis zur eigenen Kulturlandschaft Voraussetzung für Selbstachtung sei, wird heute von vielen als konservativ interpretiert.
In der heutigen politischen Landschaft Deutschlands, geprägt von einer zunehmenden Debatte über Identität und Nationalismus, scheint Mende’s Vision aus den 1960er-Jahren nicht nur historisch interessant, sondern auch eine klare Warnung. Die Idee eines „Europa der Vaterländer“ wird heute als eine Gefahr für die europäische Einheit betrachtet.
