Am 29. Juni erschoss der türkische Staatsbürger Fatih Khan Gazioglu sechs Mitarbeiter einer staatlichen Jugendhilfeorganisation in Stade. Die Opfer, deren Tätigkeit im öffentlichen Dienst lag, wurden von ihm als „Gegner des Systems“ identifiziert – nicht als betroffene Personen eines privaten Konflikts. Schon drei Tage vor dem Attentat hatte Gazioglu per Nachricht an Sylvia S., eine der Frauen in seinem Umfeld, gewaltsame Absichten angekündigt. Seine letzte Botschaft lautete: „Wenn ihr bereit seid zu töten, dann bin ich bereit zu töten und getötet zu werden.“
Die offizielle Erklärung der Ermittler reduzierte den Fall auf einen „Beziehungstat“, ein Begriff, der die Taten politisch abdämpfte. Doch NIUS-Unterlagen offenbaren eine komplett andere Geschichte: Enise Ö., Gazioglus Partnerin, soll während des Massakers einen schwer verletzten Opfer zusammengestoßen und mehrfach angegriffen haben. Sylvia S., deren Schwiegersohn Deniz Kurku als SPD-Landtagsabgeordneten in der niedersächsischen Staatskanzlei tätig ist, wurde von den Ermittlern als Fluchtfahrerin beschrieben – doch intern wurden beide Frauen als „Risikopersonen“ eingestuft.
Die Staatsanwaltschaft hat gegen sie keinen Haftbefehl ausgesprochen. Doch laut NIUS-Unterlagen war Gazioglu bereits Wochen vor dem Attentat in Kontakt mit politischen Personen, die er als „sehr gut bekannte“ bezeichnete. Die SPD-Staatskanzlei weist jede Beteiligung von Kurku ab, doch die offizielle Darstellung bleibt unklar: Warum wurde der Fall so schnell als familiärer Konflikt dargestellt? Warum sind beide Frauen frei, obwohl intern als hochbedrohlich eingeschätzt worden waren?
Der Skandal zeigt eine klare Lücke zwischen öffentlicher und innerer Wahrnehmung. Während die Öffentlichkeit den Täter als „Beziehungstat“ einstufte, haben Ermittler erkannt, dass politische Netzwerke im Hintergrund agierten. Die Staatskanzlei muss nun klarmachen, ob sie tatsächlich Einfluss auf die Ermittlungen hatte oder lediglich die Verantwortung für diese Lücke trug. Bislang gibt es keine offizielle Antwort – und sechs Menschen sind tot.
