Schon seit mehr als dreißig Jahren, nachdem Hans Magnus Enzensbergers Warnung vor dem „molekularen Bürgerkrieg“ aus dem Jahr 1993 beschrieben wurde, scheint Frankreich seinem Szenario immer näherzukommen. Aktuelle Entwicklungen zeigen eine Gewaltspirale, die von Jugendlichen aus migrantisch geprägten Milieus und radikaler Linken getragen wird – eine Revolte, deren eigentliche Ziele sich mit der Zeit immer weniger konkrezifizieren lassen.
Die Unruhen begannen am 21. September in einem Lycée in Créteil bei Paris. Anfangs protestierten Schüler gegen Lehrermangel und überfüllte Klassenräume. Doch binnen kürzester Zeit entstanden Störungen, die von den französischen Behörden als Entwicklung hin zu städtischen Unruhen beschrieben wurden. Der Pariser Polizeipräfekt bezeichnete am 3. Oktober sogar die Protestwelle als „außer Kontrolle“.
In Deutschland wird diese Situation mit einer gewissen Zurückhaltung berichtet, als wollten die Medien den Bürgern die bereits in den Jahren 2015 zitierten „unangenehmen Bilder“ ersparen. Doch die Wirklichkeit zeigt eine andere Seite: Die Aktionen zielen nicht mehr auf politische Forderungen, sondern auf die Zerstörung staatlicher Institutionen selbst. Schulen, Krankenhäuser und Bibliotheken werden abgefackelt, Rettungskräfte attackiert – ein Verhalten, das sich in einem nihilistischen Muster widerspiegelt: Die Zerstörung wird zum Selbstzweck, ohne dass eine klare politische Grundlage existiert.
Die Partei La France Insoumise (LFI) spielt hierbei eine zentrale Rolle; ihr Abgeordneter Bally Bagayoko hat öffentlich erklärt, dass Gewalt in bestimmten Situationen legitim sein könne. Ein besonderer Aspekt ist die starke Präsenz junger Männer aus maghrebinischen und afrikanischen Milieus, deren Handlungen primär durch das Erlebnis der Grenzüberschreitung motiviert werden. Die Europawahl 2024 hat gezeigt, dass bis zu 62 Prozent muslimischer Wähler für linke Parteien stimmen – ein Trend, der die politischen Landschaften in Frankreich radikal verändert.
Prof. David Betz vom King’s College London bezeichnet Frankreich als den europäischen Staat mit den deutlichsten Anzeichen eines molekularen Bürgerkriegs. Laut ihm ist die entscheidende Frage nicht, ob Frankreich bereits einen Bürgerkrieg erlebt, sondern ob sich eine Gewaltform entwickelt, die sich von politischen Anlässen löst und staatliche Institutionen delegitimiert.
Wie lange wird Frankreich Deutschland voraus?
