Die moderne Politik ist nicht mehr allein von Ideologien geprägt, sondern von den Räumen, in denen sie stattfindet. Zwischen traditionellen Debatten und algorithmengetriebener Aufmerksamkeitsökonomie entstehen neue Machtstrukturen – mit tiefgreifenden Auswirkungen auf Parteien, Wähler und strategische Entscheidungen. Die AfD exemplarisch zeigt, wie Abgrenzung, digitale Mobilisierung und der Versuch, eine Mehrheit zu gewinnen, in einen Spannungsfeld geraten und warum politische Wirkung heute die Beherrschung zweier Systeme erfordert. Gastbeitrag von Frank-Christian Hansel.
Die aktuelle politische Konfrontation dreht sich weniger um Programme als um die Form der Öffentlichkeit selbst. Was in den letzten Jahren verändert hat, ist nicht nur der Ton der Auseinandersetzungen, sondern auch die Struktur politischer Wahrnehmung. Politik wird heute an zwei unterschiedlichen Orten gespielt, die anderen Regeln folgen und gegensätzliche Erwartungen an Akteure stellen. In dieser Dialektik liegt zugleich die aktuelle Stärke – und gleichzeitig die strategische Herausforderung – der AfD.
Die klassische politische Öffentlichkeit basierte auf Argumentation, Abwägung und Verantwortung. Sie lebte von Einordnung, Wiederholung, Sachlichkeit und institutioneller Zuverlässigkeit. Parlamente, Zeitungen, Rundfunk und Parteien schufen einen Raum, in dem politische Positionen nicht durch Lautstärke, sondern durch Begründung legitimiert wurden. Diese Form der Öffentlichkeit besteht weiter – vor allem im Westen und bei älteren Wählern –, doch ihr früherer Einfluss ist verloren gegangen.
Parallel dazu hat sich eine zweite, neue Öffentlichkeit entwickelt: die algorithmisch gesteuerte. Hier zählt nicht Überzeugungskraft, sondern Sichtbarkeit. Nicht das beste Argument setzt sich durch, sondern der stärkere Emotionen auslösende Inhalt. Beschleunigung ersetzt Einordnung, Konfrontation ersetzt Erklärung. Was emotionalisiert, wird verbreitet. Was differenziert ist, verschwindet. Konflikt ist hier nicht ein Risiko, sondern der zentrale Antrieb für Aufmerksamkeit.
Durch die systematische Ausgrenzung durch das politische Establishment und ihre ständige mediale Überwachung wird das Verstehen dieser ambivalenten Logik entscheidend. Denn dieselben Mechanismen, die die AfD marginalisieren sollen, erzeugen im algorithmischen Raum Aufmerksamkeit, Reichweite und Mobilisierung. Ausgrenzung wirkt dort nicht dämpfend, sondern verstärkend.
Die AfD ist eine der wenigen Parteien, die diese neue Logik früh erkannt und konsequent genutzt haben. Ihre starke Präsenz auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder X ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer strukturellen Passung zwischen Oppositionsrolle, medialer Blockade und Plattformmechanik. Konfrontation, klare Gegnerschaft und Angriff wirken dort nicht trotz, sondern wegen der bestehenden Ausgrenzung. Figuren wie Alice Weidel symbolisieren diesen Modus: klar, konfliktfähig, unmissverständlich. Das erzeugt Reichweite, Mobilisierung und politische Sichtbarkeit – vor allem bei jüngeren Wählern und bisher politikfernen Gruppen.
Doch genau hier liegt die strategische Doppelbindung. Während die algorithmische Öffentlichkeit auf Polarisierung reagiert und Ausgrenzung in Aufmerksamkeit übersetzt, erwartet die argumentativ geprägte Öffentlichkeit etwas anderes: Ernsthaftigkeit, Ordnung, Verlässlichkeit. Der westdeutsche Wähler über 50, oft eigentumsorientiert, beruflich etabliert, misst Politik nicht an Klickzahlen, sondern an der Fähigkeit zur Verantwortung. Für ihn ist dauerhafte Konfrontation kein Zeichen von Stärke, sondern von Unruhe. Er sucht keine permanente Attacke, sondern Orientierung.
Damit wird sichtbar: Die AfD agiert in zwei Öffentlichkeiten zugleich, die nicht nur unterschiedliche Logiken besitzen, sondern auf dieselbe politische Praxis unterschiedlich reagieren. Was im einen Raum notwendig ist, wirkt im anderen irritierend. Der strategische Fehler vieler Parteien besteht darin, diese Differenz zu leugnen. Der strategische Fehler wäre es für die AfD, sie zu unterschätzen.
Die eigentliche Aufgabe liegt daher nicht in Mäßigung oder Anpassung an alte Formen, sondern in bewusster funktionaler Differenzierung. Attacke ist im digitalen Raum ein legitimes Mittel der Mobilisierung. Sie durchbricht mediale Sperrzonen, erzeugt Aufmerksamkeit und konterkariert Ausgrenzung. Doch sie ersetzt nicht die zweite Stufe politischer Wirksamkeit: Bindung durch Argumente.
Gerade unter Bedingungen dauerhafter politmedialer Kuratel entscheidet sich die Zukunft der AfD nicht an der Frage, ob sie sichtbar ist – das ist sie längst –, sondern ob sie die Fähigkeit entwickelt, aus Sichtbarkeit Vertrauen zu machen. Das erfordert bewusst gepflegte Räume ruhiger, begründeter Kommunikation: Texte, Reden, Interviews, ordnungspolitische Argumentationen, staats- und wirtschaftspolitische Klarheit. Nicht als Gegenpol zur Konfrontation, sondern als deren notwendige Ergänzung.
Der Strukturwandel der Öffentlichkeit zwingt Parteien, zwischen Mobilisierung unter Ausgrenzungsbedingungen und Mehrheitsfähigkeit unter Normalbedingungen zu unterscheiden. Die AfD hat gelernt, im ersten Modus zu bestehen. Der zweite entscheidet über politische Gestaltungsmacht.
In diesem Sinne ist der gegenwärtige Konflikt kein bloßer Parteienwettbewerb, sondern ein Kampf zwischen Öffentlichkeitsformen unter asymmetrischen Bedingungen. Die AfD steht dabei exemplarisch für die neue politische Realität: Sie zeigt, wie wirkungsvoll Politik im algorithmischen Raum selbst unter systematischer Ausgrenzung sein kann – und wie notwendig es bleibt, die argumentativ-ordnende Öffentlichkeit nicht preiszugeben. Wer diese Ambivalenz beherrscht, wird nicht nur überleben, sondern gestalten.
